Hundert Täler

Der Tag für unsere Rundfahrt durch das Centovalli ist angebrochen. Schade, dass der Zug nach Domodossola nicht in Baveno hält und wir hier also nicht zusteigen können. Andererseits brauchen wir dann aber heute abend, wenn wir in Stresa ankommen, nur noch zum Parkplatz unseres Autos zu laufen.

Um genug Zeitreserve für eine eventuelle Parkplatzsuche zu haben, fahren wir ziemlich zeitig los, parken dann aber überraschend so günstig, dass am Bahnsteig gerade erst der vorhergehende Zug einläuft. Haben wir Zugbindung? Sicher nicht auf diesem Abschnitt: es ist ja ein ganz gewöhnlicher Nahverkehrszug. Und so treffen wir schon eine Stunde früher als geplant in Domodossola ein, wo wir ohnehin eine weitere gute Stunde Aufenthalt gehabt hätten. Uns bleibt also viel Zeit für einen Stadtbummel.

Heute ist hier Markttag, und sämtliche Straßen stehen entlang ihrer Mittelachse voller Buden, deren Angebot auch fleißig angenommen wird. Irgendwo leicht abseits des Rummels finden wir eine Bank, wo wir nun unseren Imbiß aus dem Rucksack angeln. Das Städtchen macht einen wohlhabenden Eindruck. Ob wir uns kurz das Stadtmuseum anschauen wollen? Es ist zwar schnell gefunden, hat aber heute geschlossen, was das Navi leider nicht wußte. Nun gut, dann ziehen wir uns eben in das Bahnhofsgebäude zurück, denn draußen ist es recht frisch heute. Und im Wartesaal gibt es für uns Touris eine Landkarte mit Vorschlägen für Ausflüge.

Der Bahnsteig der Centovalli-Schmalspurbahn befindet sich eine Etage tiefer, wir haben ihn uns nach dem Eintreffen schon kurz angesehen: man steigt vom normalen Gleis eine Treppe nach unten. Aber es muss das richtige Gleis und die richtige Treppe sein.

Der nun einlaufende Zug besteht aus vier Panoramawagen mit extra hohen Scheiben. Wir haben reservierte Fensterplätze auf der rechten Seite – und sitzen im einzigen Wagen ohne Bordtoilette. Aber auch die anderen werden erst geöffnet, nachdem der Zug losgefahren ist, und während der Fahrt ist der Wechsel in den anderen Wagen eine recht wackelige Angelegenheit. Auch hat auf dem freien Platz neben der Liebsten eine Italienerin Platz genommen, die eigentlich zwei Plätze bräuchte. Durch Sitztausch schaffen wir es, ein wenig Gegendruck aufzubauen. Und irgendwann sind wir sie dann ganz los.

Der Zug windet sich zunächst ein Steilstück hinauf und fährt dann mit leichterem Anstieg bis hinauf nach Santa Maria Maggiore, dem höchsten Punkt der Strecke. Die Ausblicke in die frühlingshafte Landschaft werden immer spektakulärer. Zur Rechten sehen wir jetzt schneebedeckte Gipfel, zur Linken malerische Bergdörfchen. Und weit unten rauscht das kleine Flüßchen durch eine enge Schlucht. Hin und wieder passieren wir eine Brücke, die wir aus der Zugperspektive leider nicht sehen können: dafür müßte man auf dem schmalen, parallel verlaufenden Sträßchen sein.

Nach etwa zwei Stunden erreichen wir Locarno. Auch hier liegt der Centovalli-Bahnhof unter den Gleisen der normalspurigen Eisenbahn. In gut zwei Stunden legt unser Schiff ab, aber wo? Wir finden einen Anleger und einen Fahrplan, der für 16 Uhr sogar zwei Schiffe nach Stresa ausweist, eines von Brücke 3 und eines von 4. Wir fragen also nach und erfahren, dass wir zur Brücke 5 müssen. Zehn Schritte weiter, und wir hätten die übliche Abfahrtstafel gesehen, mit der analogen Uhrzeit oben und den Ortstäfelchen unten.

Jetzt ein Eis? Direkt am Anleger gibt es eine Eisdiele, mit Preisen, die einem die Tränen in die Augen treiben: eine Kugel drei Franken fünfzig, zwei Kugeln fünf Franken. Gibt es da keine Alternative? Schon, aber dort ist es noch teurer. Wir laufen zum Marktplatz, finden unter den Arkaden eine dritte. Zwei Kugeln bitte, Pistazie und Tiramisu. Aber der Becher erweist sich als zu klein für die zweite Kugel. Unwillig kratzt die Verkäuferin ihn wieder leer und nimmt einen größeren. Zuerst das Pistazieneis, dann das After Eight. Hallo? Bestellt war Tiramisu-Eis! Die offenbar mit der Bestellung überforderte Dame beginnt erneut, den Becher wieder zu entleeren, aber jetzt haben wir genug und verlassen die Eisdiele ohne Eis.

Die Altstadt von Locarno hat zwei große Kirchen. Die erste erweist sich als eher langweilig, dafür ist die zweite mit ihren teils bemalten plastischen Stuckfiguren umso interessanter.

Da wir immer noch Zeit haben, lassen wir uns auf einer Bank mit Blick auf das Schiff nieder, das uns zurück nach Stresa tragen wird, und dessen Besatzung offenbar Pause macht, denn sie tröpfeln einer nach dem anderen wieder hier ein, legen dann aber pünktlichst ab. Wir sind hier ja auch in der Schweiz.

Die nun folgende Überfahrt ist die längste der gesamten Reise, wir beginnen ganz im Norden und befahren den See in Längsrichtung, legen immer wieder kurz irgendwo an,, passieren die Brissago-Inseln und die Insel mit der Burgruine, legen in Intra fast zeitgleich mit der Autofähre an und auch wieder ab und treffen schließlich nach etwa drei Stunden in Stresa ein. Das Wetter hat sich im Laufe des Nachmittags deutlich verschlechtert.

Hier in Stresa kommen wir nun endlich an unser Eis. Die sympatische junge Frau will für die beiden Cones mit jeweils zwei großen Kugeln gerade einmal 7 Euro.

Heute morgen habe ich neben unserem Auto eine Treppe gesehen, die hinunter zur Altstadt führt. Das untere Ende dieser Treppe gilt es jetzt zu finden. In einer kleinen Straße, die ungefähr die richtige sein könnte, packe ich meine paar Brocken Italienisch aus und frage eine ältere Dame, die aus dieser Richtung kommt: „Scusi? A stazione?“. Sie nickt eifrig und setzt zu einer Erklärung an, in der das Wort Treppe vorkommt – auf französisch! So genau hätten wir es gar nicht gebraucht, aber wir hatten alle unsere Freude daran. Und natürlich fanden wir am Ende der Straße, ziemlich versteckt, die besagte Treppe.

Category: Allgemein, Baveno 2026
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