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Alternativstrecke

Der Tag der Rückreise ist gekommen. Alles ist wieder verkoffert, der elektrische Ortsbus bringt uns zum Bahnhof, der Zahnrad-Shuttle zum Auto, das 10 Tage lang geduldig auf uns gewartet hat. Die Strecke über den Oberalp- und den Furkapaß war zwar schön, aber auch zeitraubend. Ob es wohl eine Alternativstrecke gibt? Man muß sich entscheiden, ob man den Bodensee östlich oder westlich umfährt, die Wege trennen sich in Gletsch. Statt den Furkapaß wähle ich also den Grimsel.

Die Grimsel-Nordrampe beeindruckt mit einem Tiefblick auf den langgezogenen Grimsel-Stausee und seine beiden Staumauern, zwischen denen auf einem Felsrücken das Hospiz thront. Eine schmale Straße führt zuerst über die niedrigere der beiden Mauern und dann dort hinauf. Direkt vor der beeindruckend hohen Bogenstaumauer sind Felsarbeiten zugange: die Mauer von 1932 wird durch eine neue ersetzt, direkt davor und, wie an den Felsarbeiten zu erkennen ist, in gleicher Höhe. Was dann wohl aus der alten Mauer wird?

Die Strecke meiner Wahl führt durchs Oberhasli und über den Brünigpass, durch Luzern und westlich um Zürich herum, über Winterthur nach Schaffhausen und dann auf deutscher Seite von Singen über Stuttgart und Heilbronn nach Nürnberg. Am Ende sind es 50 Kilometer mehr als bei der Hinfahrt über Bregenz, und statt 8¼ Stunden dauerte es 8½. Ohne Pausen. Das war mir der Blick auf den Grimsel-Stausee zwar wert, aber für die nächste Reise nach Zermatt suche ich mir eine Alternativstrecke. Vielleicht mit dem „Autoverlad” durch den Lötschberg und dann noch weiträumiger um Zürich herum?

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Flap, flap, flap

Was haben wir nicht alles für Alpenblumen gesehen auf unseren Wanderungen durch die Zermatter Bergwelt: Alpen-Astern am Rotenboden, Teufelskrallen auf dem Gornergrat, Kranz- und Schneeenziane beim Schwarzsee, Bärtige Glockenblumen und Männertreu (so heißen hier die Kohlröserl) auf der Riffelalp und sogar Edelweiß am Rande des Murmeltierweges. Hätten wir uns all diese Wege sparen können, indem wir einfach nur den Blumenweg vom Blauherd zur Sunnega gelaufen wären? Nun, eigentlich sind ja die Blumen das Beiwerk zur Landschaft und nicht umgekehrt. Mithin haben wir, indem wir unsere Bergwanderwoche nun mit diesem Weg abschließen, alles richtig gemacht: sämtliche Juwelen gleich am Anfang zu finden nähme einem ja gewissermaßen die Vorfreude auf tägliche florale Neuentdeckungen. Von denen der Blumenweg übrigens auch seinerseits noch einige zu bieten hat: Arnika, Eisenhut und Purpur-Enzian waren uns bisher noch nicht begegnet, und auch keine roten Seidelbast-Beeren. Murmeltiere und Schmetterlinge wiederum gehören zwar nicht zu den Blumen, bereichern das Wandererlebnis aber ebenfalls.

An alledem radelt der typische Mountainbiker achtlos vorüber. Warum, so fragen wir uns, zerpflügt er dann für sein Vergnügen die Wege, die eigentlich uns Blumenfreunden gewidmet sind? Eine ausgewiesene Bike-Strecke ist der Blumenweg jedenfalls nicht.

In Höhe der Baumgrenze weidet eine kleine Kuhherde. Das Bim-bim und Bam-bam der Kuhglocken gehört seit jeher zu den Bergen. Heute allerdings wird es vom Knattern der Hubschrauber übertönt: kaum ist einer von ihnen außer Hörweite, kommt auch schon der nächste ums Eck. Sie transportieren Baumaterial für eine neue Seilbahnstation irgendwo da oben. Träger für Träger. Ohne Pause. Wir fühlen uns wie mitten auf einem Großflughafen.

Drüben am Breithorn türmen sich schon wieder bedrohlich dicke Wolken auf. Es sind Gewitter gemeldet, wird es also bald wieder regnen? Wir sollten den Rest des Tages in der Nähe einer Bergbahn verbringen. Die Gornergratbahn eignet sich dafür hervorragend, denn sie schließt den Betrieb viel später als die Gondellifte. Und so fahren wir ein letztes Mal hinauf, blicken oben in eine heute ausgesprochen düstere Gletscherwelt – und fahren mit derselben Bahn wieder ins Tal.

Jetzt müssen nur noch die Koffer gepackt und die Route geplant werden. Es gibt sicher Alternativen zur Strecke über Furka und Oberalp.

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Alphorn statt Matterhorn

Was tun, wenn der Wetterbericht für den frühen Nachmittag Regen und Gewitter vorhersagt, gleichzeitig aber nur ein paar Schleierwolken den Himmel zieren? Nun, man packt einfach seinen Rucksack für alle Eventualitäten und zieht los, zur Talstation der Gondelbahn. Der Rest ergibt sich dann unterwegs.

Zwar bilden sich vereinzelt kleine und größere Wolken an den hohen Bergen, aber der Gipfel des Kleinen Matterhorns ist frei, und die spektakuläre Fahrt mit der Gondel über den Gletscher reizt zur Wiederholung, zumal wir ja mit unserer Karte sieben Tage lang freie Fahrt haben. Und schon schweben wir ein weiteres Mal dort hinauf.

Vor uns steigen Personen mit Instrumentenkoffern in den Lift, der von der Bergstation hinauf zur Aussichtsplattform führt. Ein Streichkonzert da oben? Das vermeintliche Cello erweist sich, auf seine ganze Länge zusammengeschraubt, als Alphorn. Und es ist nicht das einzige. Die raumgreifenden Instrumente lassen auf der schmalen Gipfelplattform kaum noch Platz für Zuhörer. Und dann spielen sie. Mehrstimmig. Auf 3.900 Meter Meereshöhe. Mit Blick auf das wolkenverhangene Matterhorn. Welch ein Glück, daß wir zufällig zur rechten Zeit am rechten Ort waren.

Der Erste Hornist sieht wie ein typischer Alm-Öhi aus: weißbärtig, braun gebrannt, mit Lachfalten und schiefen Zähnen. Normalerweise spielten sie im Auftrag des Tourismusverbandes am Zermatter Bahnhof oder vor der Kirche, sagt er. Aber heute hätten sie frei. Ob es nicht schwierig sei, so ein Instrument in so dünner Luft zu spielen? Ja, natürlich. Der Bärtige gibt noch eine Probe seines Könnens, indem er seinem Horn sämtliche Töne entlockt, die so ein Alphorn hervorbringen kann, denn es hat ja weder Ventile noch Löcher, ausgenommen natürlich das große ganz vorne und das hintere zum Hineinblasen.

Inzwischen haben sich das Matterhorn und all die anderen Viertausender dermaßen verhüllt, daß ich mich frage, ob ich überhaupt den richtigen Berg fotografiert habe. Sicherheitshalber nehme ich noch ein Panorama in westlicher Richtung auf, samt der von Italien heraufsteigenden, bedrohlich dunklen Quellbewölkung. Dann verlassen wir den kühlen Ort über dem Gletscher und fahren sicherheitshalber gleich bis Zermatt hinunter.

Auf dem kurzen Weg von der Talstation zum Quartier ereilen uns die ersten Regentropfen.

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Zwei Wanderungen an einem Tag

Die Gornergratbahn ist die einzige Bergbahn, die auch in den Abendstunden, wenn die Schatten lang und länger werden, immer noch fährt: bis 20 Uhr 30. Und wer spät zurückkommen will, darf auch spät starten. 

Der Gletscher sah gestern nachmittag noch genauso aus wie vorvorgestern, nicht aber der Himmel: drüben auf der italienischen Seite türmten sich Wolkenberge, höher als die Viertausender. Aber sie verloren schon bald wieder an Kraft. Und auch an der Bergstation wurde es zunehmend ruhig. Bei ungewohnten Lichtverhältnissen fuhren wir schließlich um ½ acht Uhr wieder ins Tal zurück.

Heute nun erleben wir den fünften Schönwettertag in Folge. Alle Bergbahnen sind abgehakt, aber auf dem Riffelberg, wo das markante Kreuz mit dem grimmigen Jesus steht, sind wir noch nie ausgestiegen. Das muß sich nun heute ändern. Die Gondelbahn bringt uns nach Furi, und eine weitere dann hinauf.

Die Schrift auf dem Kreuz ist unleserlich geworden, aber ich kenne sie, denn meine Eltern waren schon einmal hier: „Willst du Gottes Allmacht sehen, musst du in die Berge gehen.”

Und in die Berge geht man ja nicht nur der Berge wegen, sondern auch um die vielen Alpenblumen zu sehen. Ohne konkretes Ziel laufen wir einfach dem Matterhorn entgegen, während zur Linken wie zur Rechten Enziane, Glockenblumen, Teufelskrallen und noch viele andere Schönheiten den schmalen Bergpfad säumen. Ob man von der Ecke da vorne wohl den Gornergletscher sehen kann? Nein, aber man sieht eine weitere Ecke. Ob man von dort den Gornergletscher…? Irgendwann ist es dann tatsächlich so weit, und wir erblicken in schauriger Tiefe das Eis des zweitgrößten Gletschers der Schweiz. Rein weiß an der einen Stelle, von Geröll bedeckt an der anderen. Der Bach, der vom Theodul herabkommt, fließt unter den Eisstrom hindurch und kommt dann ein Stück weiter aus einem typischen Gletschertor wieder heraus. Aber wie lange noch?

Wir laufen zurück, lassen die Teufelskrallen, Glockenblumen und Enziane diesmal unbeachtet, und besteigen die talwärts fahrende Gornergratbahn, um eine Station tiefer die zweite Wanderung des heutigen Tages anzutreten: durch den Arvenwald zum Grünsee.

Entlang des straßenbreiten Wanderwegs schützt uns ein mannshoher Zaun vor einem Sturz in die Tiefe. Uns Wanderer? Nein, es geht wohl um die Sicherheit der Skifahrer, sollten sie bei Schnee und Eis hier auf dem Weg zur Bahnstation ins Straucheln kommen. Und schon wenigen hundert Metern sieht ja auch alles so aus, wie es sich für einen normalen Wanderweg gehört.

Schon bald stoßen wir auf einen Wegweiser: Riffelalm (von dort kommen wir) 20 Minuten, Grünsee 30 Minuten. Haben wir etwa schon den halben Weg hinter uns? Die alten Arven, zwischen denen sich der Weg nahezu eben entlang schlängelt, verströmen würzigen Duft. Hin und wieder gilt es ein Geröllfeld zu queren, und eigentlich sind die 30 Minuten längst um. Hinter der nächsten Biegung muß jetzt aber endlich der See liegen! Nach einer guten Stunde sind wir dann dort. Die vielen Besucher sind sicher nicht alle über den Arvenweg gekommen, der See liegt vielmehr am „Fünf-Seen-Weg”, den wir letzten Mittwoch ja nur unvollständig begangen haben.

Vom See aus bietet sich ein schönes Panorama

Leider ist der Rückweg genauso weit wie der Hinweg, aber irgendwann ist auch das geschafft und der bisher anstrengendste Wandertag zu Ende. Fast. Denn die E-Bus-Haltestelle liegt ein gutes Stück von unserem Quartier entfernt. Für morgen sind die Wetteraussichten leider nicht mehr so gut.

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Im und über dem Gletscher

Großkabinen-Pendelbahnen waren gestern, heute sind Umlaufbahnen angesagt. Statt je einer bergwärts und einer talwärts fahrenden Kabine, die einander dann auf halber Strecke begegnen, hängen bei einer Umlaufbahn Dutzende von Kabinen am Tragseil, wie bei einem Sessellift. Nur mit dem Unterschied, daß man nicht bei voller Reisegeschwindigkeit aussteigen oder abspringen muß. Und es gibt Zwischenstationen.

Zu unserer Überraschung funktioniert auch die Matterhornbahn, die nur ein paar Schritte von unserer Wohnung entfernt startet, nach diesem Prinzip. Und deshalb heißt es kurz vor der Mittelstation Furi: Passagiere nach Schwarzsee und Trockener Steg können sitzen bleiben. Man fährt dann also in seiner 8er-Kabine in die Station, wird abgebremst, die Türen öffnen sich, man ignoriert es, die Türen schließen sich wieder, und schon rollt man wieder hinaus und schwebt weiter den Hang hinauf. Aber oben am Schwarzsee werden wir dann ja wohl umsteigen müssen? Mitnichten! Was sich nach dem nun schon bekannten Bremsen, Öffnen, Schließen und Abrollen jedoch ändert ist die Fahrtrichtung: statt in südwestlicher geht es in östlicher Richtung und – bergab. Denn die Station Furgg liegt in einer Senke. Zu Zeiten der Matterhorn-Erstbesteiger wäre man hier noch mitten im Gletscher gewesen. Dann geht es wieder aufwärts, in Richtung Trockener Steig, wo die Großkabinenbahn zum Kleinen Matterhorn startet.

Großkabinenbahn? Auch hier wurde umgebaut, parallel zur ersten Seilbahnstrecke gibt es jetzt eine zweite, mit geräumigen 28-Personen-Kabinen. Und es ist ebenfalls eine Umlaufbahn, die Kabinen treffen im Minutenabstand ein, gleiten gemächlich den Bahnsteig entlang, man steigt ein und setzt sich, die Tür schließt, und schon geht es hinaus aufs Tragseil, wo sich schon bald atemberaubende Tiefblicke auf den Theodulgletscher auftun.

Ausblick vom Kleinen Matterhorn auf das große, auf Zermatt und aufs Breithorn

Das Kleine Matterhorn ist mit knapp 3.900 Metern der höchste Seilbahngipfel Europas. Wir spüren beim Aufstieg zur Aussichtsplattform die dünne Luft. Oder ist es vielleicht doch die gigantische Aussicht, die einem hier oben den Atem raubt? Zur Linken das Matterhorn, in der Tiefe der Gornergletzscher, zur Rechten das Breithorn mit seiner riesigen Firnwächte und der schneebedeckten Südflanke, über die sich zahlreiche Seilschaften hocharbeiten. Im Süden dann das größte Sommerskigebiet Europas, und in westlicher Ferne der Mont Blanc. Wie weit der Blick wohl reichen mag? Ganz im Süden zeichnet sich eine markante Spitze ab: es ist der 150 Kilometer entfernte Monte Viso in den italienisch-französischen Alpen.

Neben der spektakulären Aussicht ist das „Glacier Paradise” eine weitere Attraktion. Man fährt mit dem Aufzug ein Stück weit in die Tiefe und betritt sodann – das Innere des Gletschers! In die Stollen mit ihren weiß glitzernden Wänden und Decken sind Nischen geschlagen, in denen Skulpturen aus Eis ausgestellt sind. Das staunende Auge erblickt allerlei lebensgroße Tiere vom Adler bis zum Murmeltier, allesamt durchscheinend und effektvoll beleuchtet. Um die Buddhagrotte herum sind gespendete Münzen ins Eis eingefroren. Und auch eine Eisbar fehlt nicht, leider aber ohne Ausschank.

Die Fahrt hinab über den Gletscherbruck ist ebenso eindrucksvoll wie hinauf. Wir halten uns noch einige Zeit am milchigtrüben Gletschersee neben der Umsteigestation auf dann noch eine weitere am Schwarzsee, direkt am Fuß des Matterhorns. Von hier würde man hinaufsteigen zur Hörnlihütte und zum gleichnamigen Grat.

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Zwei Matterhörner

Man war nicht in Zermatt, wenn man nicht mindestens einmal mit der Zahnradbahn auf den Gornergrat gefahren ist. Und das seit nunmehr 122 Jahren.

Der rotbraune Zug startet so pünktlich, daß man die Uhr danach stellen könnte. Schweizer Präzision eben. Mit wechselnden Vordergründen, aber immer demselben Hintergrund gewinnt der Zug, unterstützt von seinem Zahnrad, rasch an Höhe. Schon sind wir über der Baumgrenze, fahren durch grüne Matten, die immer mehr von Felsen durchsetzt sind, bis schließlich nur noch Felsen vor den Fenstern vorbeiziehen. Gornergrat! Die Sonne lacht vom Himmel, die Luft ist warm, und die vielen Menschen verteilen sich rasch entlang der Aussichtspunkte.

Eine etwas exponierte Stelle hat es mir besonders angetan. Da stelle ich mich auch hin, wenn die Frau vor mir weg ist, sage ich. Rasch springt die Genannte zur Seite. Vertreiben wollte ich Sie jetzt nicht, versuche ich mich bei ihr zu entschuldigen, wir haben doch Zeit. Eigentlich nicht, antwortet sie, die Gletscher schmelzen nämlich rapide dahin.

Nun, ganz so schnell geht es dann doch nicht. Aber hier in Zermatt und speziell am Gornergletscher und seinen seitlichen Zuflüssen hat man den beträchtlichen Schwund der letzten Jahrzehnte fast überall vor Augen. Die seitlichen Eisströme enden mittlerweile, noch bevor sie den Hauptstrom erreichen, der ehemals erheblich höhere Stand der Gletscheroberfläche ist deutlich zu erkennen. Sogar der Hauptstrom selbst ist abgerissen, und der untere Teil des Gornergletschers wird nur noch von seinem mächtigsten Zufluß, dem Grenzgletscher, gespeist.

Etwas unterhalb der Gipfelstation, genauer gesagt in der Nähe des vorletzten Haltepunktes, soll es einen kleinen See geben, in dessen Wasseroberfläche sich bei Windstille das Matterhorn spiegelt. Der See ist schnell gefunden, aber wir sind natürlich nicht die einzigen hier, und bei dem Gewimmel und Geplärre rundum will sich keine rechte Stimmung einstellen. Aber es gibt weiter unten noch einen zweiten, etwas kleineren See. Um ihn zu finden, folgt man einfach den Alphornklängen. Der Alphornist spielt nicht perfekt, aber immerhin gut genug, um das Schweizgefühl noch mehr zu heben als es der Anblick des Matterhorns ohnehin schon die ganze Zeit über tut.

Und dann stehen wir endlich am wollgrasbewachsenen Ufer jenes kleinen Bergsees, dessen Wasser das steinerne Dreieck am Horizont in jene markante Raute verwandelt, derentwegen wir hergekommen sind.

Mental schon auf jenen Menschentyp eingestellt, der den später Ankommenden gerne ein Spiegelbild mit einer Picknickgruppe mittendrin beschert, sind wir angenehm überrascht, daß nur gelegentlich eine Rot- oder Blaujacke ein Weilchen am gegenüberliegenden Ufer herumzappelt und dann das Bild wieder freimacht.

Der große und der kleine Spiegelsee verdoppeln übrigens nicht nur die Berge und alles, was sich sonst noch über ihre Ufer erhebt. Auch jeder der kleinen Fische wird von einem Schatten begleitet. Und sogar die Libellen schwirren im Doppelrumpf einher. Ach so, die paaren sich.

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Endlich wolkenlos

Der Personentransport auf das Rothorn wirkt ein wenig so, als wolle die Seilbahnfirma Garaventa hier alle ihre technischen Möglichkeiten vorstellen. Die erste Etappe auf die Sunegga-Alm ist als Tunnel-Standseilbahn ausgeführt, man braucht sich daher auch keinerlei Gedanken zu machen, auf welcher Seite man die bessere Aussicht hat. Oben angekommen, geht es mit der Umlauf-Kabinenbahn weiter zur Alp Blauherd, sie soll nachher unser Ausgangspunkt für die Seenwanderung sein. Und dann gibt es auch noch die Großkabinen-Pendelbahn hinauf zum Rothorngipfel. Bis zu 150 Personen hätten darin Platz, wir fühlen uns wie in einem schwebenden Tanzsaal.

Der Gipfel ist derzeit eine einzige Baustelle und der Blick auf den östlichen Teil des Panoramas stark erschwert. Aber wer schaut schon nach Osten, wenn im Westen der schönste Berg der Welt prangt? Die Luft ist heute besonders klar, und das Matterhorn sieht  nach dem Schneefall der letzten Tage wie angezuckert aus. Zur Linken wie zur Rechten stehen ihm weitere Viertausender zur Seite, und über uns – ein wunderschöner Baustellenkran. Halb so schlimm. Wir sehen uns satt und nehmen dann die Gondel zurück nach Blauherd, wo die Umgebung viel grüner und auch die Luft etwas wärmer ist.

Der Stellisee ist einer jener Seen, die in keinem Schweiz-Kalender fehlen dürfen. Zwar ist das Spiegelbild heute wegen einer leichten Luftbewegung nicht ganz klar, aber man kann die beiden Pyramiden – eine mit der Spitze nach oben, die andere nach unten – deutlich erkennen. Natürlich ist inzwischen nun doch einiges los am See, aber der Platz reicht für alle, und man will seinen Weg an einem so herrlichen Tag ja auch irgendwann fortsetzen.

Fünf Seen wären auf einem Rundweg, dem Fünf-Seen-Weg, erreichbar. Sie haben so seltsame Namen wie Grindjisee, Moosjisee oder Leisee. Auch einen Grünsee gibt es, aber es ist nicht der See mit dem milchig-petrolgrünen Wasser. Und eigentlich ist ja auch der Weg das Ziel, so daß wir lieber an den schönen Bergwiesen mit allerlei Blumen entlang wandern und schon bald auf eine Herde Ziegen treffen, die sich malerisch auf einer Felsgruppe versammelt haben, im Hintergrund das Matterhorn: ein Bild wie aus einem Werbeprospekt.

Ein Stück weiter grüßen zwei weiße, zart befilzte Sterne aus dem Gras: hurra, wir haben ein besonders schönes Edelweiß entdeckt. Zwei Meter daneben prangt an schwer zugänglicher Stelle ein ganzes Büschelchen dieser edelsten aller Alpenblumen. Und dann noch welche, und noch welche. Was für ein Glück wir doch haben.

Wollen wir wirklich hinunter zum Grindjisee? Noch schöner als der Stellisee kann er nicht sein, und es ist noch ein ganzes Stück Weg bis zur Sunegga. Wir steuern lieber die Sitzbank an, die wir schon die ganze Zeit vor Augen haben. Hoffentlich ist kein anderer vor uns dort! Aber das Glück bleibt uns auch dieses Mal hold. Am Lejsee schließlich schauen wir noch eine Weile den Badegästen zu, die mitsamt allerlei Aufblasbarem von der nahen Mittelstation herübergekommen sind. Majestätisch zieht ein geflügeltes Einhorn an uns vorüber, das ein braun gebranntes Mädli auf dem Rücken trägt.

Dann nimmt uns die U-Bahn hinunter nach Zermatt wieder auf.

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Ein halbes Matterhorn

Touristen müssen, damit sie visuell nicht überfordert sind, erst einmal ganz langsam an den Anblick des Matterhorns gewöhnt werden. Heute etwa zeigt man uns erst einmal nur dessen untere Hälfte. Gegenüber gestern, wo der berühmte Ausblick von der Kirchenbrücke über das Flüßchen auf das alles überragende Matterhorn nur aus Brücke und Flüßchen bestand, ist das aber schon ein erheblicher Fortschritt.

Und wir haben ja auch Zermatt noch gar nicht richtig gesehen. Das Bergdorf war dereinst eine Ansiedlung aus kleinen Holzhäusern und Stadeln. Die grob behauenen Balken gleichermaßen verwittert und windschief, unterscheiden sich die beiden nur durch das Vorhandensein blumengeschmückter Fenster bei den einen und Mäusesteinen bei den anderen. Was sind Mäusesteine? Nun, so ein Stadel lädt natürlich auch ungebetene Gäste ein, die mutig vom Hunger an den hölzernen Pfählen emporklettern könnten. Um das zu verhindern, ist zwischen Pfahl und Gebäude eine Steinplatte eingefügt, als ein unüberwindliches Hindernis für die kleinen Nager.

Die Stadel standen früher über die ganze Talschaft verstreut, und das tun sie auch heute noch, nur daß dazwischen keine Wiesen mehr sind, sondern Häuser und Hotels. Offenbar wurde aber kein einziges Holzhaus jemals abgerissen. Entlang der Straßen des alten Ortskerns stehen sie noch immer dicht an dicht und sind auch nach wie vor bewohnt, wie die Briefkästen und die roten Geranien vor den Fenstern zeigen. Es wohnt sich sicher auch sehr behaglich darin.

Zermatt ist im Laufe der Jahrzehnte immer mehr gewachsen, man hat aber strikt auf einen gefälligen Baustil geachtet, ohne Flachdächer, dafür aber mit viel Holz und üppigem Balkongrün. Heute wird nur noch wenig gebaut, es ist ja auch kaum Platz mehr übrig, und vieles steht schon jetzt in spektakulärer Lage mit sicher ebenso spektakulärem Ausblick.

Gegen Abend legt das Matterhorn zum ersten Mal seinen Schleier ab. Nicht gänzlich zwar, aber immerhin so weit, daß hin und wieder der Gipfel sichtbar wird. Es hat frisch geschneit da oben, über die Nordwand fallen immer wieder kleine Neuschnee-Lawinen herab, und die Kante des Hörnligrates läßt ebenso zarte Wolkenfahnen über die Ostwand wehen. Alles in allem ein recht unterhaltsames Programm, das Vorfreude weckt, denn ab morgen soll sich das Wetter ganz erheblich bessern.

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Zermatlantis

Die Walser und insbesondere die Zermatter sind sehr gastfreundlich. Das mag daran liegen, daß Zermatt  schon seit 160 Jahren fast ausschließlich vom Tourismus lebt. Oder daran, daß heuer weniger Touristen kommen als sonst. Oder eben, weil sie von Natur aus gastfreundlich und weltoffen sind.

Das Ferienappartement „Bolero” war schon auf uns vorbereitet, als wir gestern hier eintrafen. Im Briefkasten, an dem unsere Namen standen, fand sich ein Umschlag mit den Schlüsselkarten darin, die Wohnungstür war mit einem „Willkommen”-Herzchen und ebenfalls unseren Namen markiert. Seit gestern kennen wir auch die Vermieterin, Frau Julen. Sie erklärte uns den Herd und zeigte uns die Stelle, wo die Bedienungsanleitung gelegen hätte. Die hatten wir nämlich vergeblich gesucht. Auch die Kaffeemaschine ist nun frisch gereinigt, macht aber auch weiterhin nach der dritten Tasse schlapp.

Die Zermatter Tourismusgeschichte begann 1860 im „Goldenen Zeitalter des Alpinismus”. In diese Zeit fiel auch die Erstbesteigung des Matterhorns, die vier von sieben Bergsteigern nicht überlebten: sie stürzten die Nordwand hinunter. Und sie blieben nicht die einzigen, die am Berg der Berge ihr Leben ließen, wie der Bergsteigerfriedhof unterhalb der Kirche zeigt.

1891 wurde die Eisenbahnlinie eröffnet und füllte die ersten großen Hotelbauten mit touristischem Leben. In den Jahren ab 1914 und ab 1939 kam der Auslandstourismus fast zum Erliegen und boomte dann wieder ab 1960, jetzt aber vorwiegend im Winter. Vor unserem geistigen Auge entsteht ganz unten schon eine neue Zeile: 2020 starke Einbrüche aufgrund der Corona-Epidemie. Der Glacier-Expreß zum Beispiel kam uns gestern am Oberalppaß nahezu leer entgegen.

Unser Ferienhaus allerdings ist gut belegt. Die Schweizer Nachbarn, die ich über das Balkongeländer hinweg nach dem WLAN-Passwort fragte, antworteten verwundert: ja, steht das denn nicht auf Ihrem Schlüsselumschlag? Tatsächlich! Jeder blamiert sich hat so gut wie er kann.

Das Wetter ist mäßig, aber laut Wetterbericht haben wir Traumtage vor uns. Bei solchen Aussichten lohnt es sich, eine Sieben-Tage-Karte für die Bergbahnen zu erwerben. Denn Einzelfahrten sind teuer, um nicht zu sagen, sehr teuer: allein schon der Gornergrat würde ein 119 Franken teures Loch ins Budget reißen. Pro Person, versteht sich. Jetzt könnten wir also sieben Mal dort hinauf, für 367 Franken. Oder aber jeden Tag eine andere Bergbahn nehmen. Es gibt ja so viele davon.

Das „untergegangene” Zermatt von 1850

Das Wetter, die vorläufige Unsichtbarkeit der Berge sowie der Wunsch nach Akklimatisierung treiben uns in eine der interessantesten Attraktionen des Ortes: das Matterhorn-Museum. Es sieht auf den ersten Blick unspektakulär aus, aber nur, bis man registriert hat, daß der gläserne Kristall mit der Warteschlange davor nur das Zugangsgebäude ist, das eigentliche Museum liegt unterirdisch. Wegen Corona dürfen nur 60 Besucher gleichzeitig hinein, wir stehen offenbar auf Platz 81 und 82. Und dann ist es endlich so weit.

Als akkreditierter Journalist darf ich mit Stativ fotografieren. „So so, Sie haben also mit Herrn Graf korrespondiert, wissen Sie denn, wer der Herr Graf ist?”, fragt mich die Kassendame verschmitzt. Ich verneine. „Das ist der Herr, der Sie soeben hereingelassen hat.” Ach, so! Ich gehe noch einmal zurück zu ihm, stelle mich vor („aha, Sie sind also der Mann mit dem Stativ”), wechsle ein paar warmherzige Worte und fühle mich jetzt noch willkommener als schon zuvor.

Unten, im eigentlichen Museum, lernen wir dann auch noch den Direktor kennen, Herrn Schmidt. Er und sein Team sind eifrig bemüht, das Kino wieder instand zu setzen. Auch hier ist Zeit für einen kurzen, anregenden Plausch. Und dann nimmt uns das Museum fesselnd gefangen, zwei Stunden lang: die alten Holzhäuser mit ihrer authentischen Einrichtung, die Geschichte der Matterhorn-Erstbesteigung samt gerissenem Seil, das besagte Kino mit Ausschnitten aus dem Trenker-Film „Der Berg ruft”, der Fund vom Theodulgletscher, wo ein mit Pistole und Säbel bewaffneter Mann mitsamt seinem Maultier 400 Jahre lang im Eis begraben lag, das kleine Kirchlein, das eigentlich nur ein halbes Kirchlein ist, dank eines raumhohen Spiegels allerdings seine fehlende Hälfte perfekt ergänzt, das Arbeitszimmer des Geologen Saussure, der vom Gletscher aus erstmals die Höhe des Matterhorns vermaß, und noch vieles mehr.

Durch Täler und über Pässe

Jede Reise beginnt mit dem Schließen des Koffers. Es ist quasi die finale, nicht mehr korrigierbare Entscheidung, was man während des Urlaubs zur Verfügung haben wird und was nicht.

Wir reisen dieses Mal, was selten genug vorkommt, mit dem Auto. Für die letzten Kilometer müssen wir allerdings dann doch den Zug nehmen, denn Zermatt ist autofrei. Entsprechend aufgeräumt sieht es im Auto aus, denn letztlich darf eben doch nur so viel Gepäck mit, wie man auf einmal tragen kann.

Bis Täsch, wo das Auto ins Parkhaus muß, ist es freilich noch ein Stück hin. Die günstigste Strecke führt über Bregenz und Chur. Zeitungsberichten zufolge soll der Pfändertunnel, obschon Österreich und Autobahn, neuerdings mautfrei sein, vor Ort steht jedoch nichts dergleichen angeschrieben. Weder Pflicht noch Freigabe. Und wo muß man spätestens die österreichische Autobahn verlassen, um auf die schweizerische Seite zu wechseln? Irgendwo stand etwas von Diepoldisau. Wird schon stimmen.

Die Schweizer Autobahnvignette haben wir schon an der Raststätte Hörbranz erworben, leider erweist sich der Kleber ihrer Vorgängerin als recht hartnäckig, und man soll doch von außen lesen können, daß wir autobahnberechtigt sind.

Das Autobahnvergnügen endet allerdings schon bald. Kurz hinter Chur bei Reichenau tut es die Straße dem Rhein gleich und teilt sich. Nun, eigentlich tun Vorder- und Hinterrhein genau das Gegenteil, denn sie kommen uns ja entgegen. Aber aus der zweispurigen Fahrbahn werden leider zwei einzelne. Und die rechte von beiden, also die unsere, erweist sich als überraschend schmal und kurvenreich. Wir passieren etliche Orte, sehen hin und wieder auch die Schienen der Furka-Oberalp-Bahn, aber bisher keinen Zug. Dabei verkehrt hier doch der berühmte Glacier Express!

Ein paar enge Kehren noch, dann stehen wir auf dem Oberalppass. Es ist frisch hier, und die Landschaft nicht sonderlich interessant. Zumindest im Sommer nicht. Und wer trotzdem hier herauf will, bevorzugt wohl in der Regel die gut ausgebaute Westrampe von Andermatt herauf, denn das liegt an der Gotthardstraße. Der alten Gotthardstraße, muß man heute sagen, denn die neue untertunnelt alles, und man muß auch nicht mehr über die Teufelsbrücke.

Von Andermatt zweigt aber auch noch eine andere Strecke ab, nämlich die über den Furkapaß ins Goms, wie man den oberen Teil des Oberwallis nennt. Erneut geht es eng und steil hinauf.

An einem sperrigen Wohnmobil hat auf solchen Strecken wohl ausschließlich nur dessen Besitzer Freude, kann er doch an jeder Engstelle wieder neu seine Fähigkeit unter Beweis stellen, sein Gefährt zentimetergenau zwischen Gegenverkehr und Abgrund hindurch zu manövrieren. Und das dauert. Natürlich gäbe es auch Ausweichstellen, aber dann müßte man ja vorausschauend fahren.

Was vom spektakulären Gletscherblick übrig blieb

Früher einmal hat man wohl auf der Paßhöhe übernachtet, denn die Pferde waren verständlicherweise erschöpft. Heute sind alle Hotels verlassen, die Fensterläden geschlossen, und die Farbe blättert. Eines dieser Häuser steht markant in einer der Haarnadelkurven der Westrampe. Hier hat es noch nicht einmal der einst spektakuläre Blick auf den Rhonegletscher in die Gegenwart geschafft. Gletscher, ade.

Blick vom Furkapaß nach Westen, rechts die Grimselpaßstraße

In erneut vielen Kehren und durch viele kleine Orte geht es nun hinab ins tief eingeschnittene Rhonetal, wo wir bei Visp schließlich in das Tal von Zermatt einbiegen. Die letzten Kilometer legen wir, wie bereits eingangs erwähnt, per Zug zurück, den allerletzten Kilometer sogar zu Fuß. Das war aber keine gute Idee, wir hätten eben doch das Elektrotaxi nehmen sollen.

Die Ferienwohnung ist modern, großzügig geschnitten, und sie hat sogar eine Terrasse. Leider aber ohne Matterhornblick. Der berühmteste Berg der Welt wäre allerdings ohnehin wolkenverhangen heute.

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